Bericht aus Rhein-Zeitung Nr. 83 - Dienstag, 08.April 2003
Sonne verleiht Radlern Flügel -- trotz Gegenwind

Radsportfreunde Brohltal haben mit ihrer ersten Country-Tour sofort einen vollen Erfolg eingefahren: Für 250 Mountainbiker wurden die Strecken „rund um Wehr" zum Erlebnis

 Die erste Country-Tour für Mountainbiker. Die Radsportfreunde Brohltal haben sie ausgerichtet und sofort einen vollen Erfolg eingefahren. Gute Vorbereitung, schöne Strecken: Für mehr als 250 Biker, teilweise aus weiter Ferne angereist, wird die Tour ein Erlebnis. Selbst wenn sie sich manchmal quälen müssen. „Die Mühe lohnt sich", hat auch RZ-Reporter Hans-Josef Schneider festgestellt.
- WEHR. „Sollen wir die kurze Route wählen oder vielleicht doch die 38er Tour?", will ein Vater vor dem Start wissen. Klaus Müller von den ausrichten Radsportfreunden Brohltal antwortet diplomatisch: „Hinter dem ersten Anstieg können Sie und Ihr Sohn entscheiden, was für euch das Beste ist." Unter den mehr als 250 Moutainbikern bei der ersten Country-Tour "rund um Wehr" waren auch etliche Frauen. - Foto Hans-Josef SchneiderKurz vor der Anna-Kapelle überhole ich das Pärchen, der Filius hat bereits erste kleinere Probleme zu bewältigen. Auch ich stehe nun vor der Frage, wohin die Reise gehen soll. Einem inneren Zwang folgend, schlage ich den Lenker nach rechts ein - noch 37 Kilometer liegen jetzt vor mir. Und als erste Herausforderung „Auf der Schlad", die ich bisher nur von der anderen Seite kennen gelernt habe - als rasante Abfahrt mit Höchstgeschwindigkeit von fast 60 Stundenkilometern. Und jetzt krieche ich im Schneckentempo bergauf - erst Stumpig Kreuz und dann dem Gänsehals entgegen. Vom Start (Römerhalle) aus eine Höhendifferenz von satten 265 Metern. Es soll schlimmer kommen.
„Wenn man das machen müsste, würde man streiken", japst mein Vordermann mitten im steilen Anstieg zum Hochstein, mit 565 Metern die nächste Bergankunft. Mountainbiker im Pulk, eben noch eifrig diskutierend, verstummen mehr und mehr. Himmlische Ruhe. Nur die Geräusche beim Runterschalten und die jubilierende Vogelwelt stören die Idylle. „Vorsicht Abfahrt" - solche Schilder sieht man gern. „Vorsicht Abfahrt", ruft sich eine sportliche Dame in Erinnerung, als sie in einer Haarnadelkurve Bekanntschaft mit dem steinigen Untergrund gemacht hat.
„ Hast du kein Geld mehr für eine lange Hose?", fragt mich mein Kurzzeitbegleiter, während wir uns, über Stock und Stein talwärts stürzend, Obermendig und der ersten Kontrollstelle nähern. „Es ist Sommer befohlen", murmelt ein anderer. Gemeint ist mein Beinkleid. Ich habe zur kurzen Radlerhose gegriffen, trotz null Grad. Als Exot darf ich der Aufmerksamkeit der MTB-Garde sicher sein. „Müssen wir jetzt wieder hoch? Von mir aus könnte es so weiter gehen", meint ein Witzbold. Bitter Ernst ist es dagegen einem Teilnehmer aus Sinzig, der sich den Winter über nur mit forschen Spaziergängen fit gehalten hat: „Das geht ja nur noch rauf und runter. Konnte man kein anderes Profil wählen? " Er steht mit seiner Kritik allein auf weiter Flur.
An den Verpflegungspunkten gibt es hinreichend Gelegenheit, die Begeisterung über Streckenwahl und Ausschilderung an den Mann zu bringen. Sie wird eifrig genutzt. Die Freizeit-Radler Noten sparen nicht mit Lob. Die Organisatoren hören es gerne - haben sie im Vorfeld und am Veranstaltungstag doch eine Menge Mühe auf sich genommen (alleine 200 Schilder mussten aufgestellt werden), um die Premiere zu einem vollen Erfolg werden zu lassen. Ihr Lohn: Mehr als 250 Teilnehmer absolvieren eine der drei angebotenen Strecken!
Endlich kommt der große Gang zur Geltung. Vorbei an der A 61 wird der Schnitt um einiges aufpoliert, der Tacho zeigt ein drei vorne - leider nur für kurze Zeit. Dann bewegen sich die Zahlen wieder im einstelligen Bereich. Um den „Krufter Ofen" herum quält sich manch einer, der noch nicht im vollen Saft steht, durch herrlichen Laubwald zur nächsten Kontrolle. Auf dem Weg dorthin hat einer aus der Weiberner Gruppe im Vorbeifahren einen Spruch auf Lager: „Wer was drin hat im Kopf, der schützt ihn." Mountainbiker zählen wohl dazu, denn alle sind mit Helm unterwegs.
Noch knapp zehn Kilometer. Zwei Radlerschnitzel (Bananenhälften) zwischen die Zähne geschoben, einen Becher warmen Tee hinterher und dann auf zum letzten Gefecht. Jetzt allein auf weiter Flur. Echt ätzend, weil die Ablenkung fehlt. Es fehlt mir auch der Mann aus Sinzig, an dem ich mich festgesogen habe, der mich aufgebaut hat, als er schwächelt. Jetzt schwächle ich. Schwere Beine, dicke Oberschenkel, jeder kleine Hügel hinterlässt Spuren. Und von jenen gibt es noch reich­lich viele - zum Beispiel vom Gleeser Sportplatz bis zur A 61. Dann endlich Wehr greifbar nahe und von der Sonne überflutet. Das verleiht Flügel - trotz Gegenwind. 38,7 zeigt der Kilometerzähler. 2:41 Stunden sind vorüber. Ob Vater und Sohn auch die richtige Wahl getroffen haben?

Foto und Bericht: Hans-Josef Schneider